EINFÜHRUNG

Das erzählerische Werk Joseph Breitbachs liegt jetzt zum ersten Mal in einer ausführlich kommentierten Ausgabe vor, gestützt auf Briefe, Tagebuchstellen, Fotos und andere Dokumente aus in- und ausländischen Archiven.

Er wolle den scheinheiligen Institutionen in Gesellschaft und Politik den Schleier vom Gesicht reißen, war das erklärte Ziel des deutsch-französischen Autors Joseph Breitbach (1903-1980). Literatur sah er als Vehikel, die Welt zu verändern.

Professor Norbert Miller von der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz und Leiter der Klasse der Literatur beschloss 2001, das Werk Joseph Breitbachs neu vorzustellen. Mit der Aufgabe betraute er die Germanistin Alexandra Plettenberg und den Verwalter des Nachlasses von Joseph Breitbach, Wolfgang Mettmann.

Bei der Arbeit stellte sich heraus, wie ungewöhnlich eng Biografie und Werk Breitbachs miteinander verflochten sind, ja, wie geschichtliche Ereignisse, die soziale Wirklichkeit seiner Zeit, politische Persönlichkeiten, sein unmittelbares lokales Umfeld, seine Freunde und Bekannten und seine eigene Person in das Werk einfließen. Zeit seines Lebens hatte Breitbach immer behauptet, sein Werk habe keinerlei autobiografischen Hintergrund und darauf bestanden, dass sein Werk nicht durch die Biografie erklärbar sei. Biografie und historische Verizität konnten aus den vorhandenen Dokumenten des Nachlasses nachvollzogen und dargestellt werden. Die Werkausgabe bietet dem Leser die Neuentdeckung des großen Erzählers Joseph Breitbach. Schon Ende der Zwanziger Jahre erfuhr er als Autor einer neuen Generation große Anerkennung.

In den Romanen „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“ (1932) und „Bericht über Bruno“ (1962), „Die Rabenschlacht“ (1973), die Erzählungen seit 1928, und „Das Blaue Bidet“ (1978) nimmt Breitbach die Perspektive aller sozialen Schichten ein, von ganz unten bis ganz oben: vom Gelegenheitsarbeiter, Kaufhausangestellten oder Kriegsversehrten, vom Studenten, Priester, bis zum Sekretär, dem Minister und Mitgliedern der monarchischen Familien. Als Schriftsteller interessiert sich Breitbach für den einzelnen Menschen und dafür, wie dieser mit Religion und Ideologien und den sich daraus ergebenden Zwängen und Beeinflussungen zurechtkommt. Sein enormes Wissen politischer Theorien, theologischer und philosophischer Zusammenhänge, hatte er sich selbst erarbeitet, war aber nie von ideologischen Scheuklappen behindert. Der Sohn des Lehrers aus Koblenz-Ehrenbreitstein wollte den aufklären, beraten, warnen, lehren.
Mit dem Erscheinen des Erzählbandes „Rot gegen Rot“ (1928), in dem er als einer der Ersten, noch vor Kracauer, das Schicksal und die Berufswelt der Angestellten darstellte, provozierte er seine Entlassung. Die im Kaufhaus spielenden Geschichten orientierten sich zu stark an Breitbachs eigenem Arbeitsplatz, dem Kaufhaus Landauer. Er fand sich auf der Straße wieder, ohne Hoffnung, als linker Autor eine neue Anstellung als Buchhändler zu finden. Die Wirklichkeit des kleinen Mannes lag ihm Zeit seines Lebens am Herzen.

Sein erster Roman, „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“, wurde ein Verkaufserfolg, jedoch ein knappes Jahr nach seinem Erscheinen verboten und bei den ersten Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten in München wegen „Nestbeschmutzung“ verbrannt. Dass aber die Figuren und Begebenheiten der Geschichte authentisch sind, beweist der die „Dasseldorf“ begleitende Band „Ich muß das Buch schreiben“. Polizeiakten aus dem Landeshauptarchiv Koblenz beweisen, dass Breitbach Koblenzer Geschicke und Umstände unter der amerikanischen Besatzung in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg genau und sachlich beschrieben hat. Auch bis dahin in Deutschland nicht-veröffentlichte Fotos aus den National Archives in Washington belegen die geschilderten Geschichten und Verwicklungen zwischen Besetzten und Besatzern.

Die nationale und internationale Politik bildet den Rahmen, den Breitbach für den „Bericht über Bruno“ wählte. Hier sind es die hochgestellten Akteure in Politik, Diplomatie und Industrie, hinter deren Handlungen und Entscheidungen er die wahren Motive sucht. Bringt in einer der Erzählungen aus dem Kaufhaus die Intrige einer Verkäuferin ihre Kollegin um ihre Stellung, so vermag das Komplott des politischen Vabanque-Spielers Bruno und seiner Zuarbeiter, die ganze Nation und den internationalen Frieden zu bedrohen – ein aktuell gebliebener Blick auch auf die heutige Zeit, wo der Kollaps des internationalen Finanzsystems von einer Handvoll gewissenloser Täter riskiert wird, die bereit sind, das Gemeinwohl ihrer persönlichen exzessiven Bereicherung zu opfern, und der Weltfriede in den Händen Einzelner liegt, die die Macht rücksichtslos erobert haben – wie Bruno.

Unverkennbar autobiografische Züge finden sich in Jean Barbe, dem Helden des „Blauen Bidet“, der sein Unternehmen verkauft und auszieht, um frei von allen Zwängen ins eigentliche Leben aufzubrechen. Er scheitert, aber nicht, ohne vorher Breitbachs Welterfahrung in heiter-drastischer Form dargestellt zu haben. Hauptanliegen des Autors in seinem letzten Roman, ist jedoch die große Diskussion um Kapitalismus und Kommunismus, um Religion und Moral.

Breitbach gehört zu den ungewöhnlichen Autoren, der, wenn auch ohne Amt, hinter den Kulissen – wie der Untertitel eines seiner Theaterstücke heißt – agieren konnte, weil sein politischer Scharfblick gefragt war. Seit seiner Übersiedelung nach Frankreich im Jahr 1931 hatte er über seine Freundschaft mit dem aus dem Elsass stammenden Schriftsteller Jean Schlumberger die Möglichkeit, durch regelmäßige Leitartikel im „Figaro“ die politische Meinung in Frankreich mitzuprägen. Beiden zusammen war es möglich, im Hintergrund Meinungen und Entscheidungen zu beeinflussen.

Seine neugierige und fordernde Natur, seine Diskutierfreudigkeit, sein rheinisches Temperament, seine praktischen Erfahrungen ließen die Menschen auf Breitbach aufmerksam werden. Er gewann überall Freunde, von der Familie Thomas Manns in Deutschland bis zu der Gruppe um die „Nouvelle Revue Française“ in Paris. Schon 1968 beschloss der herzkranke Breitbach, einen Literaturpreis ins Leben zu rufen, für den einziges Kriterium gelten solle: literarische Qualität. „Die Strukturen jeder Gesellschaft sind reformfähig. Nur der Mensch ist es nicht“, sagte er 1977. Trotz dieses Pessimismus und seiner Überzeugung, den Mensch für unwandelbar zu halten, ließ er nicht nach, die Menschen mit Leidenschaft aufzuklären, wachzurütteln und blieb seinem Motto treu: entlarven.